Dr. med. Detlef Grunert
Arzt für Kinder- und Jugendmedizin
 
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ADHS - Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom

 

ADHS Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom
Prophylaxe und Therapie aus Sicht von Ayurveda

 
-         Das Gehirn aus dem Gleichgewicht  -
 
 

Autor:        Dr. med. Detlef Grunert

Artikel für: Ayurveda Journal
 
 

Hinter den vier Buchstaben ADHS verbirgt sich eine Erkrankung, die für die betroffenen Kinder und Jugendlichen schwerwiegende Folgen für das gesamte weitere Leben haben kann. ADHS bedeutet Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. 5% bis 10%, d.h. mindestens 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland zwischen 6 und 18 Jahren sind von dieser Erkrankung betroffen, wobei nur ein Teil effektiv behandelt wird. Und: Die Zahl der erkrankten Kinder und Jugendlichen hat in den letzten 10 Jahren sehr rasch zugenommen. In den USA wird ADHS als die sich am schnellsten ausbreitende Krankheit bezeichnet! In meiner Praxis für Kinder- und Jugendmedizin behandele ich derzeit über 50 Kinder und Jugendliche, die an ADHS leiden. Das Thema ist daher wichtig und aktuell. Wie bekannt ist, haben 50% der Betroffenen auch im Erwachsenenalter  weiterhin Probleme.

 
Ist ADHS eine neue Modekrankheit?

Nein! Bereits in den ayurvedischen Schriften ist die Erkrankung als Unterart von „Unmada“ beschrieben worden. Hier sind Störungen des Geistes, des Intellekts, des Gedächtnisses, des Verhaltens etc. aufgezählt. Betroffen ist vorwiegend Vata-Dosha und zusätzlich psychische Faktoren mit einem Überschuss an rajas (überaktiv) oder tamas (lethargisch). Auch Hippokrates hat vor 2500 Jahren die Krankheit beschrieben. In der westlichen Medizin wurde ADHS erstmals 1902 von G. F. Still systematisch untersucht.

 
Was kennzeichnet ADHS?

Das Hauptmerkmal der Erkrankung ist die gestörte „Aufmerksamkeit“. Die Erkrankung tritt dabei in zwei Varianten – mit und ohne Hyperaktivität - auf. Ein Teil der Betroffenen fällt durch „Träumen“ z.B. im Schulunterricht auf. Bei der anderen Variante ist ein wesentliches Merkmal die permanente und für die Umwelt sehr unangenehme Unruhe, die „Hyperaktivität“. Die geringe Ausdauer sowie die eingeschränkte psychische und emotionale Belastbarkeit führen zu Problemen in der Schule bis hin zu komplettem Schulversagen. Dazu kommen, zusätzlich bedingt durch ein sehr geringes Selbstwertgefühl, Störungen im Sozialverhalten, Krisen in der Familie, Probleme mit Gleichaltrigen usw..

 
Wie wird ADHS festgestellt?

Die Diagnose wird durch ein persönliches Gespräch des Arztes mit dem betroffenen Kind/Jugendlichen und mit seinen Eltern gestellt. Zusätzlich sind Informationen aus Schule und Kindergarten wichtig und nützlich. Auch die Beobachtung des Kindes/Jugendlichen liefert weitere Informationen. Häufig finden sich zusätzliche Zeichen wie trockene Haut, brüchige Nägel, Neurodermitis, überempfindliches Gehör, Schlafprobleme, Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen. Aus ayurvedischer Sicht sind diese zusätzlichen Erkrankungen bzw. Symptome als Vata-Störungen zu betrachten.

Eine Schilddrüsenfunktionsstörung sollte ausgeschlossen werden. Hierzu ist eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse und eine Blutabnahme notwendig und sinnvoll. Weitere moderne Untersuchungsmethoden wie Computertomographie (CT), Kernspintomographie (MRT) oder Hirnstrommessung (EEG), sind für die Diagnosestellung nutzlos und sollten unterlassen werden, um Kind oder Jugendlichen nicht unnötig zu belasten!

 
Wo liegt die Störung beim ADHS?

In diesem kurzen Artikel kann ich nur auf einige wichtige Aspekte eingehen. Voranstellen möchte ich zum besseren Verständnis - etwas vereinfacht - das aktuelle Wissen vom ADHS in der „modernen“, westlichen Medizin.

Beim ADHS handelt es sich um eine Stoffwechselstörung des Gehirns. In einem kleinen, aber sehr wichtigen Gehirnbereich, wird eine Substanz, die zur Informationsübertragung benötigt wird, extrem rasch verbraucht. Dadurch können Informationen von außen nur während einer kurzen Zeit weitergeleitet und verarbeitet werden. Die Folgen sind eine schlechte oder fehlende Aufmerksamkeit, eine schlechte und lückenhafte Speicherung der Informationen und als Folge davon ein Leistungsabfall z.B. in der Schule bis hin zu komplettem Schulversagen.  Das Gehirn der Betroffenen ist nur für kurze Zeit (wenige Minuten) in der Lage, Informationen korrekt aufzunehmen, weiterzuleiten und zu speichern. Das Gehirn ist somit in vielen wesentlichen Bereichen nur sehr eingeschränkt anpassungs- und leistungsfähig. Durch die Summe der Probleme kommt es zu auffälligem Verhalten bis hin zu schweren Verhaltensstörungen und psychischen Problemen. Als ursächliche Faktoren werden in der modernen Medizin neben vererbten Risiken Störungen vor, während und nach der Geburt beschrieben. Rauchende Mütter oder Väter mit Alkoholmissbrauch, ein schlechtes Wohnumfeld, ungünstige Einflüsse in der Schule usw. erhöhen das Risiko, an ADHS zu erkranken.

Aus ayurvedischer Sicht handelt es sich beim ADHS um eine Kombination aus schwerer Vata-Störung und  einer Störung des Nervengewebes. Dazu kommt je nach Ausprägung ein Überschuss der pathologischen psychischen Faktoren tamas mit Trägheit, fehlendem Antrieb, Träumen im Unterricht etc. oder rajas mit unangenehmer Überaktivität bis hin zur Aggressivität.
 

Welche Möglichkeiten gibt es im Ayurveda, ein ADHS zu verhindern?

Aus ayurvedischer Sicht steht die Prophylaxe, d.h. das Verhindern des ADHS an erster Stelle. Hierzu sind eine ausgeglichene Konstitution und der optimale Aufbau aller (!) Gewebe die Grundlage. Und: Diese Grundlage wird bereits vor der Geburt gelegt!

Faktoren, die das Auftreten eines ADHS aus ayurvedischer Sicht begünstigen sind u.a.:
- Väterliche oder mütterliche „Gene“ (Vererbung)
- Schlechte Versorgung mit Nährstoffen, Vitaminen, Spurenelementen, ... während der Schwangerschaft und danach
- Ungünstige Nahrung mit viel rajas (sehr scharf, viel Kaffee, viel blutiges Fleisch, ...) oder viel tamas (Konserven, -  Schweinefleisch, viel schlechte Fette, ...) während der Schwangerschaft und danach
- Ama (Toxine) vor und während der Schwangerschaft wie Rauchen, Alkohol oder sonstige Suchtmittel
- Hoher Stress während der Schwangerschaft inkl. hohen Lärmpegeln (auch laute Disco-Musik)

- Fehlende Bewegung der Mutter während der Schwangerschaft
- Mangelnde Bewegung des Kindes im Elternhaus
- Mangelnde Bewegung in Kindergarten und Schule (dreimal pro Woche Sport/Bewegung ist aus gesundheitlicher und ayurvedischer Sicht das Minimum!!)

Daraus ergeben sich kurzgefasst die Möglichkeiten der ADHS-Prophylaxe vor und während der Schwangerschaft:

Mutter und Vater sollen gesund sein und sich ihrer Konstitution entsprechend ernähren und bewegen (siehe kurz gefasst z.B. im Buch „Balance durch Ayurveda-Yoga“). Dabei gelten für beide die ayurvedischen Regeln für eine gesunde Lebensweise (siehe entsprechende Literatur). Neben einer optimalen, sattvischen Ernährung mit allen wichtigen Nährstoffen ist das Vermeiden von Genussgiften und Lärm sehr wichtig. Ergänzend soll für eine angenehme Bewegung sowie eine Harmonie von Körper und Geist gesorgt werden. Hierzu ist z.B. Yoga geeignet. Ideal ist z.B. Yoga für die eigene Konstitution – Ayurveda-Yoga.

Nach Geburt steht die ADHS-Prophylaxe auf zwei Pfeilern:

Zum einen ist dies eine gute, im Idealfall sattvische Ernährung mit frischen Nahrungsmitteln. Die Ernährung soll an die Konstitution angepasst sein und alle notwendigen Vitamine, Spurenelemente etc. enthalten. Besonders wichtig für das Gehirn und zumindest in der deutschen Ernährung knapp sind Zink, Biotin und Omega-3-Fettsäuren. Auch eine Nahrungsergänzung z.B. mit Cyavanprash (Amla-Mus) ist daher durchaus sinnvoll.
Zum anderen ist dies eine gute Bewegung von Anfang an und im Idealfall täglicher (!) Sport in Kindergarten und Schule. In vielen Ländern der Welt von Neuseeland über Vietnam bis Finnland wird darauf besonders geachtet!
 

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn bei einen Kind oder Jugendlichen ein ADHS aufgetreten ist?

Gleich vorweg: In vielen Fällen wird man um eine (zumindest vorübergehende) westliche Therapie mit Methylphenidat oder ähnlichen Substanzen nicht herumkommen. Erstes Ziel ist, den Leistungsabfall in der Schule aufzuhalten und schwere psychische Schäden zu vermeiden. Eine prinzipielle und dauernde Verbesserung der Gehirnfunktion wird damit jedoch nicht erreicht. Eine gute Therapie des ADHS muss im eigentlichen Sinne ganzheitlich sein! Damit sind nicht Bachblüten, Homöopathie oder Ähnliches gemeint. Derartige Therapieversuche sind weder ganzheitlich noch nutzbringend.
In jedem Fall ist eine kombinierte Therapie auf Dauer am Erfolg versprechendsten. Gerade in diesem Bereich liegt der große Nutzen von Ayurveda! Folgende Maßnahmen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) sind wichtig und sinnvoll:
1.      Sattvische Ernährung mit frischen Nahrungsmitten entsprechend den Regeln für Vata-Störung (warm, nahrhaft, genügend Flüssigkeit, etc.)
2.      Nahrungsergänzung z.B. mit Cyavanprash
3.      Täglich geeignete Bewegung und Sport
4.      Yoga zur Harmonisierung von Körper und Geist z.B. Ayuveda-Yoga
5.      Je nach Alter Ayurvedatherapien wie Abhyanga (Ölmassagen) z.B. mit Mahanarayana-Öl, Shirodhara (Stirnölguss) etc.
6.      Zusätzlich kann Brahmi (Bacopa monniera) zur Verbesserung der Gehirnfunktion gegeben werden.
7.      Bei Bedarf sind weitere ayurvedische Medikamente/Kräuter wie Triphala, Ashwagandha, Dashamula, Jatamamsi etc. nützlich.
 

Bemerkungen zum Schluss:

ADHS ist die häufigste psychische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Die Erkrankung und ihre Folgen ziehen sich durch das ganze Leben. Die Diagnosestellung und die Therapie von Kindern und Jugendlichen mit ADHS ist schwierig und komplex. Beides sollte daher unbedingt von einen erfahrenen Kinder- und Jugendarzt oder einen Kinder- und Jugendpsychiater durchgeführt und gesteuert werden. Auch die Steuerung einer Ayurvedatherapie bleibt spezialisierten Ärzten vorbehalten.
Die Durchführung einer optimalen Therapie des ADHS erfordert zusätzlich eines ganzes Netzwerk aus Familie, Schule, Ausbildungsstelle usw.. Die wichtige ergänzende Ayurvedatherapie und vor allem sämtliche Maßnahmen zur Verhinderung eines ADHS fallen in den Aufgabenbereich von Ayurvedatherapeuten und insbesondere der Eltern. Die Voraussetzungen zu schaffen für eine optimale Umwelt, für gute Ernährung und Nahrungsmittel sowie für geeignete Bewegung und Sport ist ebenfalls Aufgabe der Eltern aber auch der Kindergärten und Schulen und damit auch der Politik!

Im Ayurveda ist Förderung, gute Versorgung und Krankheitsvorsorge der Kinder Grundlage der Gesundheit und Entwicklung einer Kultur! Dies sollte auch in Mitteleuropa und speziell in Deutschland gelten.

Abschließend noch ein Hinweis: Zu den Bereichen gesunde Kinder, Bewegung, richtige Ernährung, Sport etc. werden vom Autor dieses Artikels im Herbst 2006 und Frühjahr 2007 zwei Bücher erscheinen. In den Büchern wird eine Verbindung zwischen moderner Kinder- und Jugendmedizin und Sportmedizin sowie traditioneller ayurvedischer Medizin hergestellt. Ausschnitte aus den Büchern wurden auch für diesen Artikel verwendet. Die Titel werden lauten:

Grunert D.: Gesunde, fitte und intelligente Kinder durch Ayurveda, Das große Ayurveda-Gesundheitsbuch für Eltern und Erzieher. Erscheint Herbst 2007. Verlag Via Nova, Petersberg
Grunert D.: Gesundheit, Fitness und Leistungsfähigkeit durch Ayurveda im Sport. Erscheint Herbst 2006. Verlag Via Nova, Petersberg
 

Literatur:

Grunert U., Grunert D.: AyurVedaYoga - Yogaprogramme für die eigene Konstitution. 3 DVD´s. pro literatur Verlag, Mammendorf 2006

Grunert U., Grunert D.: Balance durch Ayurveda-Yoga. Knaur Verlag, München 2006

Keller K., Zierau M.-Th.: Hilfe bei ADHS. Knaur Ratgeber Verlage, München 2004

Stier B., Weissenrieder N.: Jugendmedizin. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2006

Swami Sada Shiva Tirtha: The Ayurveda Encyclopedia. Sri Satgutu Publications, Delhi India 1998

 

 

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